07 November 2006

Weihnachtswahn im Herbst ! Oder, Desaster im Supermarkt !

Weihnachtswahn !

Er beginnt wieder. Der Lebkuchenkrieg.
Im Supermarkt, neulich, da standen sie. Schokoladennikoläuse. Im September. Man will´s ja nicht glauben. Und Lebkuchen gab´s auch schon. Und Glühwein. Der Gute. Aus Nürnberg.
Mir standen die Haare zu Berge. Der Sommer ist kaum vorbei, der Herbst noch nicht richtig da und man hat ja noch nicht einmal Kürbiskuchen oder anderen Leckereien probiert. Keinerlei warme Pullis wurden aus dem Schrank gefischt oder gar die T-Shirts in die hinterste Ecke des Schrankes verbannt, da sind sie schon da. Sie sind einfach angereist. In großen Kartons, praktisch in riesigen Reisegruppen kamen sie an. Fast schon bedrohlich nähern sie sich uns. Und doch auf leisen Sohlen. Und auf einmal stehen sie vor uns. Unsere Hüften schlagen Alarm, unsere Speckröllchen freuen sich und eigentlich haben wir doch keine Lust auf den schokoladigen Gesellen, der uns mit gütigem Lächeln mit seinen Kumpels aus dem Regal entgegen grinst.
Schokoladig im Kern, Rot bemantelt mit einem aufgemalten Jutesack, mit Glocke oder einem Samtband verziert stehen sie da, auf dem Kopf eine Kapuze und grinsen frech aus den Regalen, von Paletten und aus ihren Plastikständern.
Sie freuen sich schon, wenn sie sich zart schmelzend, voll mit süßem, leicht vanilligem Duft in Zartbitter, Vollmilch oder mit einem Hauch Nuss auf unsere Hüften legen.
Sie umarmen uns wohlmeinend, hängen an uns und an Ostern sind sie immer noch da.
Und das, wo sie doch so früh kommen ! Aber, die Kerle sind eben anhänglich.
Da stehen sie also, grinsend zwischen Kürbissen, Gemüse und Weinflaschen. Zwischen diversen Sonderangeboten und Sonderaktionen, eingequetscht zwischen den Flaschen mit dem Nierenbeckener Schädelsprenger aus dem Prospekt von Montag und dem neuesten Staubwedel mit Microfaserwuschel.
Von dort singen sie ihr Ständchen der Verführung. Im Chor mit Lebkuchenherzen, Zimtsternen und dem neuesten Verführer, dem Spekulatiushasen mit Marzipanauflage, der mit seinen Hoppelkollegen schon auf neue Konsumenten wartet. Und ich frage mich: „Ja is denn scho Ostern?“
Ich verweile. Beobachte das treiben um den komischen Kerl in Rot, der völlig ungeplant und in der für mich falschen Jahreszeit einfach so auftaucht.
Einige Hausfrauen schieben erbost den Einkaufswagen vorbei. ‚Was soll das?’ sagen ihre fragenden Blicke, während ihre Kinder schon mit gierigen Blicken die Hoppelhasenbande und die Krampusse mustern und die Marzipanengelchen, auch neu im Sortiment, befingern. Ein kleiner Junge beißt bereits herzhaft in einen Nikolaus, während die Hand seiner Mutter entsetzt auf seine Finger haut. Die Sirene schrillt, ich drehe mich um, nein, es war der kleine Junge. Er gibt die Heulboje und schon eilt eine Verkäuferin herbei, um zu sehen, wer in Not geraten ist.
Sie blickt sich fragend um und stellt fest, dass der Junge nicht nur herzhaft in unbezahlte Waren beißt, sondern die Mutter die Überreste des Schokogesellen auch noch mit unschuldigem Blick in seine Hosentasche stopft.
Und während die Verkäuferin mit der Mutti noch über ihr Einkaufsverhalten diskutiert, schiebt der nächste Einzelhändler bereits die Diabetikerlebkuchen vor die Türe. Die stehen, gepaart mit Schokoladenkrippen da und sorgen erneutes Aufsehen. Denn, genau dort sitzt ein Hund der sofort eine Kostprobe vom Josef in der Ausstellungskrippe nimmt und das Jesuskind hinterher futtert. Und das, bevor es geboren wird. Maria sitzt aber nach wie vor mit gütigem Lächeln neben dem leeren Platz, auf dem das Jesulein stand und scheint gar nicht zu bemerken, dass ihr schokoladenherziges Kind bereits mit dem Vater entführt wurde.
Damit die Konsumgeilheit im Vorweihnachtlichen Lebkuchenrausch dann bereits im Oktober ihren Höhepunkt erreicht, der so die Weihnachtsartikelhersteller und Einzelhändler bis zum heiligen Abend anhalten soll, beschenkt ein batteriebetriebener Nikolaus mit lautem „Hohoho“ im Schaufenster den Passanten erst seinen wippenden, dann seinen blanken Hintern. Er lässt immerwährend seine karierte Nikolausunterhosen fallen und hebt sie genauso schnell wieder auf. Vergnügt und mit roten Backen trällert das Batterie fressende Ungetüm seine besten Weihnachtswünsche auf Englisch ins Publikum, das teils lachend, teils kopfschüttelnd seiner Wege zieht.
Und da ich davon ausgehe, dass man den netten Herrn von Nordpol mit echten Langzeitbatterien ausgestattet hat, wird er wahrscheinlich zu Ostern immer noch mit dem Hintern wippen. Und, sein Kollegen, der pinkfarbene Schnubbelhase hat sich frecherweise die Nikolauszipfelmütze geklaut und wippt nun fröhlich mit. Allerdings lässt er die Hosen oben.
Die kleine Heulboje im Supermarkt nebenan hat mittlerweile den nächsten Marzipannikolaus verdrückt und steht mit verschmiertem Mündchen neben seiner Mutter, die immer noch mit der Verkäuferin diskutiert, ob es pädagogisch wertvoll ist, seine jüngsten Kunden bereits Anfang Oktober mit solchen jahreszeitfremden Artikeln zu überfordern.
Die Verkäuferin stellt daher ihrerseits mit hochrotem Gesicht die Verhaltens- und Erziehungsweise der Mama in Frage, was das „In die Tasche stopfen“ von leer gegessenen Verpackungen diverser Süßwaren und das Nichtbezahlen selbiger betrifft.
Die hysterische Mutter plärrt wiederum die Verkäuferin nieder, wie unpädagogisch wertvoll dieser Supermarkt doch wäre, während die hektische Verkäuferin hat mittlerweile einen Taschenrechner zückt, um anhand der aus der Hosentasche der etwas blässlich wirkenden Heulboje heraus quellenden Verpackungs- und Schokoladenreste, den Verzehr des Kindes zusammen zu rechnen.

Der Nikolaus wippt, die ersten Kunden fahren bereits seine schokoladigen Kollegen aus dem Markt hinaus in die spätherbstliche Sonne, während der kleine Heuler der Verkäuferin auf die Füße kotzt. Er hat während der angeregten Diskussion zwischen seiner Mutter und der Verkäuferin bereits den 10. Engel und noch eine Packung alkoholhaltiger Makronen verdrückt. Die Mutter zerrt das Kind zeternd und schimpfend aus dem Supermarkt.
Nicht ganz ohne die Verkäuferin im Schlepptau, die ihr vorrechnet, dass der junge Mann gut und gerne 14.99 Euro auf den Supermarktboden und ihre Schuhe erbrochen hat.
Der Hund hat sich bereits an Maria heran gepirscht, verzehrt gerade das 5. Schaf und schielt bereits nach dem Hirten. Sein Herrchen betitelt den wippenden und die Hosen herunterlassenden Nikolaus als sexuelle Belästigung am Einkaufsplatz und droht dem Besitzer des Ladens mit Anzeige.
Der Filialleiter von nebenan präsentiert derweil eine Großpackung Lebkuchen. 5 Kilo für 2,99 Euro. Staubig und klebrig und dazu eine Flasche Christkindlmarkter Superdröhnung mit Schuss gratis, auf das sich der nächste Billigshopper sofort stürzt und Vorräte anlegt.
Für Weihnachten. Selbstverständlich. Weil, Weihnachten ist ja bald. In ca. 12 Wochen. Oder so. Und außerdem, bald gibt’s Schokoladenhasen. Für Ostern. Weil das ist ja auch bald.

Ich gehe. Leicht frustriert nehme ich mir vor, die Schokoladenmänner und ihre Kollegen aus dem restlichen Sortiment zu ignorieren und bis frühestens zum 25. November zu warten, bis ich einen von den Kerlen kaufe. Das dürfte dann gerade noch so reichen, um einen Markennikolaus zu erstehen. Der dürfte dann bis Ostern vorhalten, um dann den Schnubbelhasen Platz zu machen.
Die Superglühweindröhnung ist ausverkauft, die Krippe wurde vom Hund leer geräumt, noch bevor man sie gebraucht hat und die kotzende Heulboje hat der Mama noch eine Ladung vors Auto gespuckt. Ja, Weihnachten ist nicht mehr weit, eigentlich freue ich mich schon darauf. Auf 4 ganz spezielle Wochenenden mit Kerzenduft, Orangen und Tee. Im Dezember. In der Weihnachtszeit. Wenn eben die Zeit für Glühwein, Nikoläuse und dem ein oder anderen die Speckröllchen fördernden Plätzchen gekommen ist.
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