31 Juli 2013

Ein Prosit der Gemütlichkeit und was das jetzt mit Marketing zu tun hat!

"Gewieftes Marketing wa?", sprach mich vor einiger Zeit ein Urlauber im Biergarten an.
Wir saßen an unserem Tisch und es war mächtig gemütlich. Ein Sonntagsfrühschoppen mit Blasmusik und jeder Menge Prosit der Gemütlichkeit.

Fifi und Waldi lagen friedlich zu Füßen ihrer Besitzer, die einträchtig eine frische Radlermaß oder eine Maß Bier stemmten und sich am Obatzdn, an der Brotzeit, am Schmalzbrot, an den Weißwürsten und anderen typischen Biergartenschmankerln erfreuten.

Ja schön ist es, und ein bisschen fühlt man sich schon wie in den einschlägigen Werbefilmchen, so unter Kastanien, die Bedienung im Dirndl, die Burschen in der Lederhose, dem friedlichen Zamperl unter dem Tisch und dem lauen Lüfterl, das so daherzieht. Und die Musik spielt halt auch dazu. 

Wir saßen eingeklemmt in einem Pulk Urlaubern, die eindeutig jenseits der Weißwurstgrenze Zuhause sind. Und ich sags gleich: Gar nix hamma gegen die! Fahren wir doch selbst von Zeit zu Zeit über den Weißwurstäquator und trinken dann halt Alsterwasser oder was es sonst so gibt und bewundern die Gepflogenheiten in der Fremde.

Aber dieser jene Gast, der mir am Sonntagmorgen mit dem gewieften Marketing kam, der war schon speziell.

"Wissen Sie, ich bin Marketingspezialist!" Aha. Prost.
"Ich kann gewiefte Strategien erkennen und die Bayern, das sag ich ihnen, die sind gewieft, ich habe schon viel gemacht, aber das ist ja so originell", palaverte er mir zu.
Er trug, wie er selbst sagte, sein Bayerntarnoutfit und wollte sich ganz bayerisch fühlen.

Jenes Outfit war eine sehr neue Lederhose, ein sehr neues kariertes Hemd, sehr neue Wadlschoner, die aber nicht recht am Wadl sitzen wollten und ein wirklich doller Hut mit Gamsbart. 

"Soso", sagte ich und dachte "Freches Bergvolk vom Rande der Alpen kanns halt gell?" und schmunzelte, ohne zu wissen, wieso wir Bayern so gewieft sind.

Wir wurden von der Blasmusik unterbrochen. Er schreckte auf, sein gegrilltes Eisbein (der gemeine Bayer meint die Schweinshaxn vom Grill) und die darüber baumelnde Senftüte vergessend, schoß zu seinem Maßkrug und schunkelte, fuchtelte, dass das Bier nur so schwappte und trank.

Prosit der Gemütlichkeit.

"Das ist es!", rief er. "Sehen sie!! Immer, wenn die Musik spielt, wird getrunken und danach kommt schon die Bedienung an den Tisch und bringt ein frisches Maaasss. Marketingtechnisch echt ausgeklügelt und gewieft. Sehn sie sich um, die schleppen ja nur so."

Lange Forschungsarbeiten habe er hinter sich. Und wohl einige Maß Bier. Und er fühle sich schon so bayerisch. "Host mi?" fragte er und ich nickte wissend.

 Der gute Mann meinte das allgemein gültige "Prosit der Gemütlichkeit".
"Und das Essen ist auch sehr gut gewürzt, da bekommt man Durst", erklärte er und dapierte noch eine Senfschlange auf dem Grillhax.

"Und solche Portionen! Haben Sie schon mal so ein großes Eisbein vom Grill gesehen?"

Ich musste lachen, ja, gesehen hab ich es schon, ich habs sogar schon gegessen. Nickend beschäftigte ich mich mit meinem Speckbrot, das gerade eingeflogen kam und genoss die Sonne.

"Das ist schon eine tolle Sache, das mit den Bayern hier wa?", fragte er mich wieder und schubste mich kumpelhaft in die Seite. "Sie gehen auf die Zielgruppe ein, machen es denen gemütlich und um die Umsätze zu sichern, gibts die Kapelle und diese wirklich ansehnlichen Bedienungen, und so freundlich sind sie alle. Sogar die Hunde sind gemütlich. Ob die Bayern immer so gemütlich sind?"

Ja, dachte ich, wir sind immer gemütlich, wir haben nie einen Stress und wir essen auch immer Eisbein vom Grill und trinken im 15 Minuten Takt Prost, wir haben auch alle Kühe Zuhause, die Erna, Vroni und Berta heißen und wir fensterln täglich, die Burschen gehen zum Langzeitfingerhackln und wenns notwendig wird, dann gibts eine saubere Watschn. Wir haben auch noch den Märchenkönig und sind alle schrecklich bajuwarisch glücklich.

Gut, ein bissl Ironie dürfte erlaubt sein, und ich habs ja nicht laut gesagt. :-)

Es ging immer so weiter. Er analysierte die Zielgruppen, wunderte sich über die bayerischen Darstellergruppen, die seiner Meinung nach ihren wertvollen Beitrag zur Völkerverständigung und zur Umsatzsteigerung brachten und dachte dann darüber nach, wie diese Industrie ausgelegt sei.

Und wir alle leben in Kulissen, dahinter ist übrigens nur Pappe mein Freund, dachte ich und ich weiß ja nicht, aus welcher Zeit und Gegend du kommst, aber du bist seltsamer als wir alle zusammen.

Irgendwann hörte ich nicht mehr zu. Bayern ist doch kein Vergnügungspark, wir sind so. Zwischen dem gegrillten Eisbein, das auf dem Teller kalt wurde und mittlerweile von Senfschlangen aus der Tüte erwürgt in den Seilen hing und meinem sehr leckeren Speckbrot trank ich einen Schluck, die Musik spielte und ich genoss. Mir war weder nach Strategie, noch nach gewieftem Marketing. Aber leben und leben lassen, sollte mein Banknachbar glauben, was er wollte. Er hatte offenbar nicht verstanden, dass Bayern moderne Menschen sind, die sogar in Jeans und völlig ohne Tarnkleidung in den Biergarten dürfen.

"Ich kenne noch einen Trick, wie man das ankurbeln kann", unterbrach ich den begeisterten Gast.

"So, wie geht der?"

"Na ja, kumm Herr Nachbar, so gmiatlich wias do in Bayern is, trink ma nochmal Prost, des ist dann die kleine Variante des großen Prosit. Oba mindestens genauso wirksam, weil dein Krug bringst so a laar .... "

Und als die Blasmusik kurz drauf später wieder die berühmte Trink - äh, sorry - Marketingfanfare anstimmte, kam die Bedienung auch schon. Natürlich voll in der Strategie aufgehend, mit Nachschub im Maßkrug!

Na dann: Prost!

Copyright by Birgit Bauer 2013
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