12 Juni 2007

Umkleidekabinen oder Shoppingfrust!

Umkleidekabinen

Kein Mensch mag sie. Aber, manchmal braucht man sie. Irgendwo muß man ja erfahren, ob das Traumteil passt oder nicht. Aber, Umkleidekabinen haben eine schlechte Atmosphäre, die sich sofort auf jeden überträgt, der nur seine Fühler vorsichtig nach einer Kabine ausstreckt.
Die Geschäfte schenken uns nur den einen kleinen Quadratmeter Platz, um eine neue Jeans anzuprobieren, einen Pulli an sich zu besichtigen oder das neue Kleid zu testen.

Umkleidekabinen sind eindeutig zu klein. Sobald Mann oder Frau dieses kleine Fleckchen Erde betritt, abgeschottet durch Klapptüren oder einen Vorhang, dann beginnt der Horror.
Zu klein, zu eng, zu heiß. Der erste Eindruck der nackten Zelle ist meist negativ. Manchmal liegen die Probierleichen der Vorprobiererin noch auf dem Hocker und leere Bügel grinsen hämisch auf das liegende Bündel Klamotten herunter und freuen sich, weil sie so leicht sind.
Frust und Depression schweben in der Luft, tropfen von den kalten, weißen mit Plastik bezogenen Wänden und überfallen ihr neues Opfer das im Begriff ist die Zelle zu erobern schlagartig. Denn obwohl die meisten Käufer und Käuferinnen nicht wirklich gerne im Geschäft anprobieren, stehen alle von ihrer Figur überzeugten Menschen mit ihren Teilen geduldig Schlange bis sie an der Reihe sind.
An der Reihe, die Depression und den Frust in sich aufzunehmen. Schwitzend, schnaufend und leicht ungeduldig stehen wir Schlange, als gäbe es am nächsten Tag nichts mehr anzuziehen. Und dann betreten wir sie. Die fiese Welt der Umkleidekabine.

Schon beim Betreten bemerkt man, dass der Vorhang nicht ganz schließt, was zur Folge haben könnte, dass der Rest der Welt mit nackten Tatsachen konfrontiert wird, die man eigentlich nicht offenbaren möchte. Der Spiegel ist ein ganz fieser Kerl. Er wartet nur auf neue Menschen, die er frustrieren kann. Im kalten Neonlicht steht man meist halb nackt und er zeigt uns deutlich unsere Schwachstellen. Die Dellen an den Oberschenkel, das Speckröllchen am Bauch und die letzte Pizza an den Hüften. Oder war es doch die Schokolade?
Dann zeigt er uns bei einem Blick in unser Gesicht auf einmal Augenringe, die uns aussehen lassen wie zu klein geratene Pandas. Der Lidschatten wirkt mickrig und das Rouge zu grell und man neigt dann dazu, sofort den plastischen Chirurgen aufzusuchen, sieht man die Fältchen, die einem vorführen, welch liederlicher Mensch man ist. Das, was vorher schön war ist jetzt nur noch scheußlich.
Der Kerl hängt da an der Sperrholzwand und lacht sich ins spiegelige Fäustchen, während die eine oder andere Dame beschämt den Blick abwendet.
Sie schlüpft hastig in ihr ausgewähltes Teil, flüchtet für Sekunden in die Wärme des Ladens und zu einem Spiegel der gnädiger ist. Schöner beleuchtet und freier. Wo es noch Luft zum Atmen und Freiheit zum Bewegen gibt. Doch, jeder, der seine kalte Probierzelle verlässt, der muss auch wieder zurück. Ausziehen. Die eigenen Klamotten wieder anziehen und feststellen, dass die sonst so geliebten Teile auch von dem Spiegel verrissen werden.
Hektisch verlässt man die Kabine. Hochrot vom Umziehen im Gesicht, frustriert von den Bildern des Spiegels lässt man hie und da die armen Teile einfach liegen. Allein bleiben sie zurück und minimieren den Platz in der Kabine weiter, während die Bügel sich weiter freuen und der Spiegel höhnisch auf sein nächstes Opfer wartet.
Das ein oder andere Stück aus dem Laden findet vielleicht sogar den Weg in die Tüte. Die nächsten Teile werden trotz dem Umziehfrust wieder an ihren Platz gebracht und auf dem Bügel hängend wieder einsortiert. Der Rest wartet auf eine Verkäuferin, die hie und da einem Polizeikommando gleich sämtliche Kabinen stürmt, alles mit sich reißt und wütend auf einen Ständer schleudert um die Verlassenen irgendwann wieder zu ihren Kollegen zu bringen.
Zurück bleiben immer noch der Spiegel und der Frust, der in der Kabine hängt. Die Antipathie der Vorprobiererin, der Ärger und die Depression. Ein sehr schlechtes Karma offenbart sich und nebelt die nächste Kleidertesterin sofort bei Betreten ein.
Es scheint, als ob die Innenausstatter für Geschäfte vergessen hätten, dass Umkleidekabinenbenutzer meist weniger kaufen. Weil der Frust die Sinne völlig einnebelt. Gut für den Geldbeutel aber schlecht für die Laune und den Verkäufer.
Wieso eigentlich, muss man sich vorm Kaufen frustrieren lassen, wenn es doch mit ein bisschen Platz so ein Vergnügen wäre, einzukaufen?
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