29 Oktober 2009

How to be a Bikerbraut - Oder Stillstand!

Liebe Leserinnen und Leser,

tja, eigentlich sollte hier und heute eine andere Version der Serie über die Bikerbraut stehen. Doch leider kam alles anders. Der Führerschein ist verschoben. Denn mit einer streikenden Hand kann man kein Motorrad vernünftig fahren. Und somit lesen Sie heute meine Aufzeichnungen der letzten Tage. Ein wenig verärgert, traurig und mit schwarzem Humor.

Viel Spaß! Übrigens, mein Befinden bessert sich langsam, ich bitte sie also, auf die Vergangenheitsform zu achten!

Herzlichst
Birgit

Chronik einer Gestürzten!

Nein es geht mir nicht wirklich gut. Ich finde es gemein, dass ich MS habe und ich bin sauer.
Es begann am Mittwoch den 21.10.2009. Da war dieses Kribbeln, das sich anfühlte, als wäre mein Arm eingeschlafen.
Donnerstag. Der Sturzhelm sitzt. Ich auch. Auf meinem Hintern, in einer Pfütze auf der Straße und fluche. Maschine jault, ich werde ordinär. Ich kann wenigstens fluchen wie ein hartgesottener Biker, wenn mir meine Krankheit schon das Fahren erschwert. Fu …. .. Meine Coolness liegt irgendwo im Dreck. Meinen Mut suche ich noch. Liegt wahrscheinlich von einem Auto überrollt im Straßengraben. Aber was soll´s. Ich stehe auf und fahre weiter. Trotzdem. Allerdings mit einem Begleiter auf dem Sozius, den ich nicht mag: Unsicherheit.

Diagnose: Schub rechte Hand, gefühllos ohne Ende, direkter Kontakt mit Stoff fühlt sich an wie Schmirgelpapier, meine rechte Wade schillert in schönsten Herbstfarben und tut weh. Aber wenigstens ist sie stylish. Hat auch was. Irgendwie. Meine Karriere als Biker hat jetzt schon zwei edle Blutergüsse produziert. Nicht jeder hat das! Man muss sich eben manchmal Dinge schönreden. ;-)

Donnerstagabend: Der Arzt zeigt mir die Rote Karte. Alles steht. MS verlangt Einzelhaft für die verkappte Bikerbraut. Sie baut mir eine Zelle aus Frust, Trauer und Wut. Man hängt mich an die Infusionspulle. Eklig, aber notwendig. Bin jetzt ein Flaschenkind.
Es ist der Kinnhaken für Fräulein Trulla: ein kräftiger Schuss Kortison mit einer wuchtigen Dosis Naturheilkunde. Sie gibt sich nicht geschlagen. Will die Machtverhältnisse klarstellen. Ich übrigens auch.
Wochenende: Frust. Seelenpflege unfruchtbar. Ich werde langsamer und langsamer. Wohne in meiner Kuhle auf dem Sofa und leide. Das Schlimmste sind die Nichtschmerzen und das ungute Kribbeln. Schwer beschreibbar. Es nervt. Macht mich kirre. Bade in Tränen, esse pfundweise Schokolade und versinke in Traumlandschaften, in denen alles gut ist. Stelle mir den Moment vor, in dem mich wieder fit fühle. Herzblatt versucht, mich zu tragen. Schwierig, wenn man sich eine kernige Frau mit einem Zentner Frust auf die Schultern packt, die noch dazu an steigendem Schokoladenkonsum leidet. Der Arme. Er schafft es nicht, ich kann nicht helfen und leide an zerrissenem Herzen und der aufkeimenden Erkenntnis, dass ich es hätte wissen müssen. Ein sittsames Fräulein Trulla fährt nicht auf einem Motorrad. Und wenn sie nicht will, bin ich ihr ausgeliefert.

Was folgt ist ein Desaster: neuer Sturz am Montag. Weil unsicher, aber mutig, keine Verletzungen außer Seelenkerben. Das Eingeständnis, dass in mir eine unheilbare Krankheit wohnt, meinen Körper dazu bringt, sich selbst zu attackieren. MS heißt Selbstzerstörung.
Etwas, das ich im Moment nicht ertrage. Denn ich will doch nur eins: Leben. Gerne mit MS, aber auch mit Qualität. Dabei war es schon so. Es ist verschwunden. War Murphy mit Trulla verbündet? Die Konsequenz: Weltenverschiebung. Mein Traum rückt in ein anderes Universum. Schwebt greifbar nah und ist doch so weit. Das Sicherheitsrisiko ist zu hoch. Aufgabe. Weil der Schub krasser als vermutet ist. Ich kriege weiter Kortison. Bleibe ein Flaschenkind.
Das Fräulein sitzt jetzt in rechter Schulter und geht bis in die Fingerspitzen. Ich meine ständig, mein Arm ist nass. Ist er aber nicht. Sendestörung. Der Sender erreicht den Empfänger nicht. E.T. kann nicht nach Hause telefonieren.
Seine Verbindung ist temporär unterbrochen. Ich weiß auch, dass ich es überleben werde. Irgendwie. Aber wie hoch wird der Preis dafür sein, wenn man bedenkt, wie groß die Menge der verwandten Substanzen ist? Könnte ich im Laden um die Ecke nach einer Tüte Überleben fragen, solange, bis ich wieder selbst laufen kann, wäre das klasse. Doch das gibt es nicht. Ist ausverkauft. Sagt Fräulein Trulla in ihrer pragmatischen Art und bittet mich zurück aufs Sofa. Sofas sind gut. Sagt sie. Für Couch-Potatoes schon, für mich nicht wirklich. Sage ich. Meine Konzentration, liegt auf meinem Arm, um ihm seine Flausen auszutreiben und er nicht faul an mir herabhängt wie ein nasser Sack.

Was soll´s. Shit Happens. Und was bleibt? Der schwarze Humor. Die Tatsache, dass ich noch lebe. Wenigstens etwas. Oder? Manchmal reicht der Gedanke an die blanke Existenz, um sich zu freuen. Mir ist so. Es könnte ja auch schlimmer sein. Hab ja noch ne linke Pfote. Werde ich eben Linkshänder. Irgendwie. Man muss dort ersetzen, wo Mangel entsteht. Das kann der Körper bis zu einem bestimmten Punkt. Sagen die Ärzte. Ich glaube daran. Versuche, meine Wut in positive Energie zu wandeln.

Bis dahin tröste ich mich mit geschätzten 5 Kilo Schokoladeneis, 4 Kilo Schokolade und gefühlten Millionen von Küssen, Komplimenten und mich umsorgenden Umarmungen von Herzblatt, der mir sagt, meine Überlebensfähigkeit bestätigt und dass das nur ein endlicher Zeitraum meines Lebens ist, der eben die gemeine Seite zeigt.

Eine Seite, die meine Lieblingszweifler bestätigen wird. Ich gratuliere Ihnen, denn Sie wussten es ja immer! Ich höre ihr Grinsen und sehe das Kopfschütteln.
Aber es gibt auch die andere Seite. Die Seite der Menschen, die von mir behaupten, dass ich über Stärke verfüge. Weil ich immer stark war. Auch, wenn es gar nicht danach aussah und mich manch einer schon für tot erklärt hat. Im übertragenen Sinne. Aber ich bin da und ich werde da sein, wenn ich wieder genug Kraft habe, denn wie heißt es so schön: Totgeglaubte leben länger!

Geisterhafte Grüße
Birgit

P.S. Wer mehr über mein Leben mit MS lesen möchte und gerne informiert ist, den lade ich herzlich auf meinem Blog auf der Onlineplattform der Frauenzeitschrift "Brigitte" ein. Dort gibt es fast täglich Gedanken, viele Kommentare (von denen man ja nie genug haben kann) und Erlebnisse aus meiner Welt zu lesen. http://blog.brigitte.de/multiplesklerose/
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