02 Februar 2012

Das Lutscherprinzip!


Ich liebe Lutscher. Schon als Kind waren Kirsch- oder Colageschmack oder gar Waldmeister in Giftgrün meine Favoriten.
Jeder, der mir einen Lutscher schenkte, eroberte mein Herz. Zum Leidwesen meiner Mutter übrigens, die immer ein wenig Angst um meine Beißerchen hatte.
Aber die Beißerchen leben noch und Lutscher mag ich immer noch sehr gerne.

Als Kinder saßen wir immer in unserem großen Sandkasten und wenn es eng wurde, stand unsere Straßenbande immer zusammen. Wir setzten uns füreinander ein und oft gab es? Genau! Einen Lutscher. Für alle. Meistens zumindest.
Blöd war nur, wenn einer von uns oder zwei keinen Lutscher bekamen. Manchmal waren zu viele Kinder und zu wenige Lutscher da. Ein Lutscherungleichgewicht sozusagen.

Sie können sich sicher vorstellen, wie Kinder reagieren, wenn es mal zu ihren Ungunsten läuft. Und da Kinder das mit der Souveränität noch üben müssen, kam es schon vor, dass Matschklopse flogen, frische Sandkuchen zertreten wurden oder Tränen flossen. Schließlich hatte man doch um eine gemeinsame Sache gekämpft. Die anderen hatten doch auch … Dann war die Welt ungemein ungerecht.
Jeder musste sich die Geschichte dieser unfairen Handlung anhören. Gemein ist die Welt. Jawohl. Das musste ausführlichst breit getreten, lautstark von sich gegeben und bejammert werden.
Dass wir uns damals natürlich auch oft zum Affen machten, war klar. In unserer Wut erkannten wir jedoch den Blamagefaktor nicht. Was aber auch nicht so schlimm war, wir waren Kinder und gewisse Dinge hatten wir noch zu lernen.

Was aber immer der Fall war, war die Ansage unseres Kindergartenfräuleins. „Ihr nehmt jetzt eure Sandspielsachen und geht in die Ecke. Denkt darüber nach, worum es eigentlich ging und dann spielen wir weiter“, war die Order und sie hatte Recht.

Das ist das Lutscher – Prinzip. Wer einen Lutscher bekommt, ist zufrieden, die, die keinen bekommen, sind sauer. Wieso ich Ihnen davon erzähle?

Lutscher sind, im übertragenen Sinne, bis heute für alle „Kinder“ durchaus interessant. Blöd nur, wenn nicht immer genügend Lutscher da sind. Dann greifen Futterneid und Eifersucht. Kriegt einer keinen, kann es eng werden mit Freundschaften, Kontakten und mehr. Das ist bis heute so. Nur dass der Sandkasten jetzt ein anderer ist.

Vor einigen Tagen stellte ich in meinem derzeitigen Lieblingssandkasten eine Frage und bat um Unterstützung. Helfen und geholfen werden ist nämlich nicht nur bei Kids oberstes Sandkastenprinzip. Das findet man oft in Erwachsenensandkästen. Übrigens nicht die einzige Parallele.
Es brauchte einige Tage, um die Sache in Schwung zu bringen, dann aber kamen Hilfe und auch erste Infos bei mir an. Viele Menschen beteiligten sich aktiv und ließen meine Bitte um Unterstützung nicht nur geteilt vorüberziehen, sondern ließen sie eine Weile ganz oben in ihrem Sandkastenticker stehen.

Das verdient einen Lutscher. Finde ich. Einen ganz großen Erdbeerdankelutscher für alle, die halfen.

Wir waren in unserem großen Sandkasten zusammen gekommen, um etwas zu erreichen. Friedlich, miteinander, helfend und wohlmeinend. Dieses wundervolle Miteinander fand ich klasse.
Allein der Gedanke der Unterstützung, die Sache selbst zählte. Ohne den Mitleidsfaktor zu nutzen, ohne Drama oder tausende Ruhmeslutscher. Könnte man meinen.
Offenbar hatte aber das eine oder andere Sandkastenkind einen Lutscher erwartet. Wie fies.

Dass hier Lutscherverluste entstanden, konnte keiner ahnen und das wollte sicherlich auch keiner. Auf einmal entstand das Lutscherungleichgewicht.
Es passierte das, was ich oben schilderte. Sandklopsweitwurf, Matschschleudern, Strampeln, Schreien, das ganze Programm.
Manch einer warf sogar wütend das Fehdesandförmchen inklusive Schaufel in die Runde und schrie sein Elend über den Lutschermangel laut heraus. Vielleicht ein wenig unbedacht. Gesehen, gelesen und gehört haben das viele. Wie berührt sie aber waren, positiv oder negativ, bleibt offen.

Das Lutscherprinzip. Immer und überall und völlig ohne Altersfreigabe anwendbar. Gib allen einen oder du hast ein dickes Problem! Hat nämlich einer keinen Lutscher gibt’s prinzipiell Ärger und jede Menge Knatsch, es wird richtig unsozial in Gefilden, die sich „sozial“ bezeichnen. Man will auch einen Lutscher, egal ob es sinnvoll ist oder nicht. Selbst wenn man das dann auf dem Rücken derer austrägt, die eigentlich nur eine Antwort wollten.

In solchen Fällen fällt mir nur der Satz meines Kindergartenfräuleins ein.

„Ihr nehmt jetzt Eure Sandspielsachen und geht in die Ecke. Denkt darüber nach, worum es eigentlich ging und dann spielen wir weiter!"


In diesem Sinne, Ihr Lutscherheldinnen und -Helden ... viel Spaß im Sandkasten!

Wir sehen uns!
Birgit

Copyright 2012 Birgit Bauer

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