13 September 2013

Wer lesen kann ...

ist? Ja, klar im Vorteil. Eine recht häufig zitierte Aussage, die man oft liest und der man genauso oft zustimmen kann, soll, muss oder darf.

Schon als Kind hatte ich so meine Schwierigkeiten mit der Leserei. Nicht, dass ich nicht lesen konnte, mir machte es keine Mühe, Texte flüssig zu lesen und zu behalten und zu verstehen. Meistens. Solange sie mir gefielen. Aber es gibt auch Texte, die nicht gefallen und die man lesen muss.

Die einzige Hürde, die ich immer zu nehmen hatte war die Textaufgabe. Die musste man als Schüler immer lesen. Jedes Jahr kamen sie als Überfallkommando auf einen zu. Diese Aufgaben waren für mich unbekanntes Land. Voller Geheimnisse, böser Tücken, Stolperfallen und noch gemeinerer Wichte, die mir die Zahlen verschoben und Fakten unterschlugen. Trolle schäkerten mit mir, führten mich auf falsche Fährten und ballerten mir Dinge um die Ohren, die ich nicht brauchte.

Es hat regelmäßig miese Zensuren gehagelt.

"Weil du nicht richtig liest", erklärte mir meine Lehrerin irgendwann. Die Frau hatte Mitleid. So sehr ich meine geliebten Bücher verschlang, in Deutsch im Lesebuch weiter war als der Rest, in Mathe versagte ich kläglich wenn die Textaufgabe kam.

Da purzelten Brotscheiben durcheinander, Schüler kauten auf komischer Wurst und ich dachte darüber nach, dass der Bäcker echt früh aufstehen musste, um so eine Menge Brot zu produzieren. Mir fiel auch ein, dass ich das Brot, es war Mischbrot, nicht leiden konnte und lieber Roggenbrot wollte, was aber nun keinen anderen interessierte.
Dabei überlas ich dann, dass aus einem Laib Brot so und so viele Scheiben geschnitten wurden und auf jeder Scheibe so und so viele Wurstscheiben lagen, die ich vom Brot trennen musste um herauszufinden, wie viele Scheiben Brot die Bäcker brauchten, um die Klasse mit belegten Broten, zwei halbierten, auszustatten.

Als übte meine Lehrerin mit mir.
Langsam lesen sollte ich. Ich! Ich war aber eine schnelle Leserin. Also musste ich laut lesen, dabei wurde ich langsamer.
Als meine Lehrerin mit dem Tempo einverstanden war, musste ich alle Fakten, die ich wichtig fand, während des Lesens auf einem Zettel notieren. Ich las, notierte, las und notierte.
Nach und nach wurde ich besser. Ich bekam heraus, dass die Schüler x Brotscheiben brauchten, damit jeder satt wurde und konnte irgendwann sogar Flächen berechnen. Ich knackte langsam, aber sicher jede Textaufgabe, entlockte ihr die Information und kämpfte mit meinem Bleistiftschwert und dem Blattschild gegen die Unbekannten Dämonen, die an den Textecken lauerten.

Eine Taktik, die ich bis heute nutze. Lese ich einen schwierigen Text, zücke ich mein Schwert. Ich notiere, überlege und am Ende weiß ich, was da gemeint ist und wie ich die Aufgabe lösen kann.

Diese Strategie nutze ich auch in ähnlicher Form, wenn ich Profile auf Plattformen lese, wenn ich neue Kontakte ansprechen möchte. Zettel und Stift bleiben an der Seite, aber ich lese langsam und konzentriert.
Schließlich muss ich wissen, ob der Kontakt auf Xing oder Linkedin wirklich zu meinem Portfolio passt und ob wir einen gemeinsamen Nenner finden könnten.

Sorgfältig wäge ich ab und drücke dann auf den Button, wenn ich das Gefühl habe, dass sich Synergien ergeben.

Etwas, das ich aber oft ins Gegenteil gekehrt sehe. Gelesen wird offenbar nicht. Ein Foto kann anziehen, ein schnödes Stichwort auch, aber sich den ganzen Text durchzulesen, dafür bleibt offenbar den wenigsten Netzwerkern wirklich Zeit.

Dann bekomme ich Hilfsangebote zu Social Media Strategien, die ich selbst mache, kann mir in kürzester Zeit ein Buch schreiben, was ich nie glaube, oder gewinne Kunde um Kunde, was ich auch nicht brauchen kann, weil ich ja nicht jedem etwas aus meinem Portfolio anbieten kann.
Auch im Bereich Job habe ich schon sehr seltsame Dinge offeriert bekommen.

Was dann fehlt, ist dieses Quentchen Aufmerksamkeit, das helfen kann, klar zu unterscheiden, was da geht und was nicht. Dieser Moment, der nur darauf konzentriert ist, kleine Wichtel und Dämonen aus der Textaufgabe zu ziehen, die nur auf den ersten Blick verlockend sind.

Es ist dieses kurze Zeiträumchen, das Klarheit schafft und nicht Verwirrung stiftet, nur weil man auf der Handy App mal eben unterwegs ist und meint, etwas tun zu müssen, warum auch immer.

Ein wenig Sorgfalt ist es, die ich mir neben der Aufmerksamkeit wünsche. Das langsame Lesen, das meine Lehrerin mir empfahl und das auch mit mir übte. Es ist die Geduld, ein Profil von oben bis unten zu lesen, bevor man auf "Kontakt aufnehmen" klickt, die so angenehm ist, weil sie dem anderen das Kopfschütteln und das leichte Grumeln erspart.

Wer lesen kann, und zwar richtig, ist wirklich im Vorteil. Er erkennt nämlich, was in einem Profil steht und arbeitet nicht nach Wortfunden, sondern nach der ganzen Wahrnehmung eines Textes. Der natürlich in Netzwerken auch seine Lesbarkeit und seine Kürze liefern muss, um nicht zu langweilen, sondern gerne gelesen zu werden.

In diesem Sinne: Sind Sie im Vorteil? Oder klicken Sie wild durch die Gegend?

Copyright by Birgit Bauer 2013
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