07 Juli 2009

Über Aufmerksamkeit

Liebe Leserinnen und Leser,
Hand aufs Herz: Wie aufmerksam sind Sie, was Ihre Mitmenschen betrifft? Nehmen Sie immer alles so wahr, wie der andere es sich wünscht? Fühlen Sie sich immer so wahrgenommen, wie es sein sollte? Das sind meine Fragen zum Wochenstart!
Meine Gedanken dazu:
Aufmerksamkeit bedeutet also: andächtig, bei der Sache sein, ganz Ohr sein, konzentriert sein, mit wachen Sinnen, wachsam und achtsam. Man legt also sein Augenmerk auf etwas, man ist bewusst bei einer Sache und schenkt Ihr die volle Konzentration. Den Moment der Aufmerksamkeit.

In letzter Zeit beschäftigt mich dieses Thema. Ich formuliere meine Anliegen und Informationen deutlich, konzentriert und mit dem Fokus auf das aktuelle Thema. Dennoch scheine ich ins Leere zu formulieren und meinen Gesprächspartner offensichtlich nicht zu erreichen. Das Ergebnis meiner Aktion ist keine Reaktion, sondern sehr oft kein oder lückenhaftes Etwas, das eigentlich nicht brauchbar ist.

Reagiere ich so unkonzentriert, trifft mich das Erstaunen und Entsetzen meines Gesprächspartners sofort. Bin ich erstaunt, wird es abgetan. Ich bekomme zwar recht, aber es ändert sich nichts.

Ich begegne Menschen, die eng mit mir arbeiten aufmerksam. Sie kennen mich nicht unaufmerksam oder einfach zeit- los. Das sind Eigenschaften, die ich nicht schätze, also versuche ich, es gar nicht soweit kommen zu lassen. Dennoch nehmen sich viele Mitmenschen die Freiheit, meine Zeit immer in Anspruch nehmen zu wollen, sie mir aber selbst nicht zu gewähren.
Liegt es an der Zeit oder einfach an der Überfütterung durch Informationen, die ablenken? Warum fehlt es heutzutage oft an der gebotenen Aufmerksamkeit?
Es könnte sein, dass das Gegenüber möglicherweise an akuter Sinnüberflutung leidet und deshalb die Hälfte des Mitgeteilten entweder nicht bemerkt, oder schlicht ignoriert. Wer weiß.

Was bleibt sind Lücken. Lücken im Dialog oder Kerben in einer Beziehung. E-Mails oder Briefe nur lückenhaft oder gar nicht zu beantworten, Kommentare abzugeben, die völlige Themenverfehlungen sind, nur weil man nicht zuhörte oder Projekte mit solchen Reaktionen zum Stillstand zu bringen, ist nicht gerade das, was sich das Gegenüber wünscht oder was man sich selbst wünschen würde. Ein Ungleichgewicht und Unzufriedenheit entsteht.

Ein Argument, das ich von vielen hörte, war die Zeit. Es würde an ihr mangeln und es wäre nicht möglich, immer auf alles zu achten, weil sie so knapp sei.

Ich halte dagegen! Ein berühmter und wahrer Spruch lautet: Zeit hat man nicht, man nimmt sie sich.

Das sollte doch gerade dann der Fall sein, wenn man die Wichtigkeit eines Menschen oder Projektes betont. Oder irre ich? Manchmal kostet es nur wenige Minuten, jemandem einen Moment in Form einer vollständigen Antwort oder eines Gedanken zu schenken.
Übrigens, die Antwort auf die Frage, warum man keine Zeit hat, muss ich schuldig bleiben. Erst recht die Zeit, warum man sie sich nicht nimmt. Darauf erhielt ich nur Schweigen. Allerdings hoffe ich, dass dieses Schweigen ein Moment der Inspiration war, über die eigene Zeit nachzudenken.

Ist es also wirklich der Faktor „Zeit“ der Menschen dazu veranlasst, unaufmerksam zu sein? Ist der Moment, ein wenig bewusst mit unseren Mitmenschen umzugehen, wirklich so knapp, dass wir ihn nicht mehr erübrigen können oder wollen? Ist die Ablenkung der medialen Welt und das, was täglich auf uns einprasselt wirklich so viel, dass wir zu bequem oder lustlos sind und unangemessen reagieren?

Oder schätzen wir die Leistung des anderen nur so lange, solange sie uns dient, und handeln absichtlich unaufmerksam? Sind wir schon so weit, dass wir uns nur noch auf Nehmen konzentrieren, aber nicht mehr geben wollen, weil das zu viel Zeit kostet? In der heutigen schnellen Welt scheinen Sinne vollkommen überflutet zu sein mit Dingen, die unwichtig, aber auffällig sind. Sie überstrahlen das, was einen Moment der Aufmerksamkeit benötigt und behindern so einen konstruktiven und fruchtbaren Dialog.

Selbstorganisation scheint nicht mehr möglich, die Prioritätenliste so flexibel zu gestalten, jederzeit eine Pause oder eine Unterbrechung einlegen zu können, scheint undenkbar. Dabei ist es eigentlich so einfach. Für einen Moment innehalten und genau hinsehen und zuhören, um jemandem vielleicht für einen Augenblick das zu geben, was er sich wünscht, was er braucht: Aufmerksamkeit, einen Impuls oder eine Meinung. Oft ein geringer Aufwand, aber dieser eine Moment kann so viel mehr sein.

Ich wurde vom Leben gezwungen, zu lernen, meine Zeit genau einzuteilen. Aufgrund meiner Situation ist es für mich wichtig immer ein Mindestmaß an freier Zeit in meine Pläne einbauen, um im Bedarfsfall eine Pause einlegen zu können. Es funktioniert übrigens.
Seit ich das lernte, weiß ich, dass Zeit kein Problem ist, wenn man sie sich nimmt. Komischerweise ist sie immer da. Eine Tatsache, die mich darauf schließen lässt, dass diese Zeit nicht nur bei mir vorhanden sein kann.
Zum anderen habe ich gelernt, wie es ist, wenn man keinen Moment geschenkt bekommt, sondern ausschließlich mit Anliegen konfrontiert wird. Es enttäuscht. Immer wieder. Leider. Man fühlt sich ausgesaugt und bleibt traurig zurück.
Was bleibt ist die Konsequenz, die es zu ziehen gilt. Sie ist nicht angenehm, aber hilfreich. Die Entscheidung, die „Zeitsauger“ abzuschütteln, macht meine Zeit für die Mitmenschen frei, die Zeit als eine individuelle Angelegenheit betrachten. Ein Gut, das man sich selbst einteilen kann. Es sind Menschen, Aufmerksamkeit zu schätzen wissen und sie auch zurückgeben. Damit das Gleichgewicht bleibt und das zwischenmenschliche Klima nicht kippt.

Weil ein aufmerksamer Moment oft wertvoller ist, als das, was uns sonst an Oberflächlichkeiten oder verschiebbaren Dingen touchiert. Etwas, das selbstverständlich sein sollte, erwarten wir dies doch auch für uns. Oder?

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Nachdenkliche Grüße aus dem Urlaub
Birgit Bauer
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