03 November 2010

Meine neue Diät!




Gerd Altmann / pixelio.de
Diesen Satz kennen Sie bestimmt: „Das ziehe ich mir aus dem Netz“.
Er ist quasi eine feste Nummer im Satzgebrauch. Schließlich lebt man modern und internett. Man ist immer online, stupst Freunde an und schreibt anstatt einer Ansichtskarte eine Statusmeldung und lädt dazu das jpeg vom Sonnenuntergang auf die Plattform. Mit lieben Grüßen versteht sich.
Es gibt alles im Internet. Weisheiten, Tipps, Haushaltslisten, Stellenangebote, Lesestoff, Übersetzungen und so viele Sachen mehr. 

Das Internet ist wie ein virtuelles Schlaraffenland, es ist einfach, praktisch und man findet fast alles, und ehe man es sich versieht, saugt es einen ein.

Als Social Media Strategin und Journalistin und Autorin, die viele Kontakte via Internet im Blick hat, bin ich oft und viel im Netz unterwegs. Ich lese Onlinemagazine, recherchiere, sondiere neue Plattformen oder bin auf der Jagd nach Trends. Ich tausche mich aus, wenn ich einen Tipp brauche, frage die Community oder Suchmaschinen. Will ich etwas kaufen, recherchiere ich Verbrauchertipps. Kein Wunder, aktuelle Studien sagen, dass 97% aller Verbraucher das Netz befragen, bevor gekauft wird.

Es ist kein Problem mit Amerika zu talken, in Frankreich ein Dokument auf einem Server zwischen zu lagern, damit mehrere daran arbeiten können und mit Brasilien noch schnell ein Fachgespräch zu führen. Genügend Werkzeuge und Möglichkeiten stehen uns offen. Mir ist es auch wichtig, diese „Parallelwelt“ zu haben und mich in ihr zu bewegen, viele Kontakte und Chancen wären mir sonst entgangen.

Jedoch schlich sich neulich ein eher unangenehmes Gefühl bei mir ein. Ich gebe zu, in der letzten Zeit war mein virtuelles Leben fast mehr als das Reale. Eine Neuigkeit, die ich quasi über die Straße erfuhr, brachte mich zu dieser Erkenntnis und ließ mich kurz in einer Schrecksekunde verharren. Es ging um einen Menschen, einen, der ganz in meiner Nähe ist. Diese Erkenntnis brachte mich ins Grübeln. Über den Konsum im Netz und das wahre Leben.

Wir wissen aus den Medien, dass Internet zur Sucht werden kann und ich will mich hier nicht als süchtig bezeichnen, betrachte aber meinen Konsum durchaus sehr kritisch.
Die Vorstellung, zum totalen Interneteremiten werden zu können, ist mir unangenehm. Ich hätte ständig das Gefühl, vom realen Leben vergessen zu werden, weil ich ihm zu wenig Aufmerksamkeit schenke. Deshalb habe ich mich auf Diät gesetzt. Auf eine Social Media Diät.

Motto: „Weg vom Web, raus ins Leben!“ Abnahme an den virtuellen Speckröllchen und Zunahme an schwindsüchtig anmutenden Lebensstellen.

Der Plan: Ich surfe nur noch intensiv von Montag bis Freitag, Samstags werden nur die Mails gecheckt und Sonntags werfe ich den Rechner nur an, um Gedanken zu notieren, wenn diese zu üppig werden und Zettel und Stift nicht wirklich ausreichen.

Der Anfang war komisch. Ich schlich wie der Redaktionskater um die Sahneschüssel und klopfte mir auf die Finger, sobald ich nur in Richtung Notebook schielte. Die Skepsis und die Befürchtungen entfolgt und entnetzt zu werden, sobald ich mich für einen oder zwei Tage ausklinke, waren unbegründet. Bis auf zwei oder drei Ungeduldige, die mich kontakteten und innerhalb einer Stunde wieder entkontakteten, weil ich nicht sofort feuereifrig innerhalb weniger Minuten antwortete, blieb alles ruhig. Und wer braucht schon Kontaktquikies?

Als ich am Montag wieder einschaltete, waren noch alle da, keiner hatte mich verlassen und wirklich verpasst hatte ich auch nichts. Kein Informationsverlust also. Alles im grünen Bereich.

Die Folge, ich verlor einige „Pfunde“ virtuellen Hüftspeck und legte Lebenslustspeck zu und teile neuerdings meine Welten auf. Paralleluniversen, in denen ich mich elegant und gekonnt bewege und Spaß habe.

Risiken und Nebenwirkungen: Da ist auf einmal mehr Zeit. Zeit, die man eigentlich auf der Jagd im Netz nach Aktualität verbrät und die Kraft kostet. Da ist auf einmal Raum für neue Ideen, für Kreativität, die manchmal im Rausch der internetten Kommunikation ein wenig ins Abseits geraten kann.
Ebenso kann es passieren, dass der Spaßfaktor steigt, dass man Informationen im Überfluss hat, Lebensinformationen sozusagen.

Meine neue Diät löste bei manchem Kontakt etwas Erstaunen aus. Ich, die Frau fürs Netz bleibe neuerdings bewusst offline. Wie geht das denn? Es gab bisweilen sogar nette „Freunde“ aus der virtuellen Welt, die mich davon überzeugen wollten, dass diese Diät ganz und gar unsinnig sei. Mir ist aber wichtig, meine sozialen realen Kontakte nicht nur auf den Gang in den Supermarkt zu beschränken, wenn der Kühlschrank eine weiße Truhe ohne Inhalt ist. Ich will mehr!
Die Diskussion drehte sich um Aufmerksamkeit, um Datenverlust. Was mich zur Überlegung brachte, welcher Datenverlust nun schlimmer ist? Der, der in der virtuellen Welt stattfindet und doch aufgrund der vielen Speichermedien immer wieder auffindbar ist oder der, der im realen Leben passiert und einmalig ist.

Copyright bei DA und BB
Klar ist, jeder muss sich selbst entscheiden, wie internett er lebt und wie real er bleibt. Dennoch plädiere ich für eine Balance zwischen den Welten. Denn richtige Freunde, ein Gespräch von Auge zu Auge oder ein gutes Essen, das kann man nicht downloaden.
Diese Dinge sind dem richtigen Leben vorbehalten und Grund genug, das Fenster zur Welt, den Bildschirm zu schließen und ein richtiges Fenster aufzumachen und ins richtige Leben zu schauen.

In diesem Sinne, Ihre Birgit Bauer



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