17 Mai 2011

Poesie, nichts als Poesie!


Na? Lust auf Erinnerungen an die Kindheit? 

Mich holten sie vor einigen Wochen ein. Als ich darum gebeten wurde, mich in einem Poesiealbum zu verewigen. Wegen der Erinnerung. Ich war nicht wirklich begeistert, wenn ich ehrlich bin, denn ich mochte das als Kind schon nicht wirklich.

Mit Bleistift Zeilen ziehen, schön schreiben und etwas von sich geben, was man als Kind irgendwie total unspannend fand. Man sah sich konfrontiert mit weisen Sprüchen, wurde ermahnt, wenn man mit dem Füller abrutschte und kontrolliert, damit auch alles ja richtig war. Bei mir gab es auch immer die Fehlergarantie. Kaum musste ich besonders schön schreiben, setzte der Vorführeffekt ein und ich schrieb Fehler und brauchte mehr als einmal den so genannten „Tintentod“.

Heute, mehr als 20 Jahre später holt mich das Poesietrauma wieder ein.
Ich hatte eigentlich gedacht, dass es das lange nicht mehr gibt. So ein Poesiealbum war zu meiner Zeit, so in den späten 1970er Anfang der 1980er Jahre aktuell, aber heute?

Eine kleine Freundin klärte mich auf: ein Poesiealbum ist total out. Heute schreibt man in Freundschaftsbücher und die geben vor, was man zu schreiben hat.
Dazu gehört unter anderem:
Lieblingstier, Lieblingsband, Lieblingsstar, Lieblingsserie, Lieblingsbuch usw. Dazu ein poppiger Sticker mit dem Lieblingsstar desjenigen, dem das Buch gehört.
Auf jeden Fall, so wurde mir gesagt: Es muss cool sein. Man sollte mit Duftstift schreiben, oder mit Glitzer. Bei Mädchen. Jungs mögen lieber Kuli. So bewahrt man also heute Erinnerungen auf. Cool und mit Glitzer.

Wir waren auch cool. Für unsere Verhältnisse. Wir zeichneten oder klebten. Ohne Glitzer aber mit Filzstiften oder Farbstiften aus Holz. Wobei ich lieber klebte. Was ich klebte, das hält bis heute.
So gut, dass ich ganze Seiten auf ewig zu verklebten Geheimnissen machte. Wollte man sie trennen, sah man nicht mehr, was ich vorher gekritzelt hatte.
Ich bemühte mich wirklich und bin wahrscheinlich als die zwischen den Seiten Klebende in die Erinnerungen eingegangen.

Poesiealben zu füllen war wie ein Tauschhandel. Die Tauschgeschäfte liefen in der Pause und wer am Ende den dicksten Stapel am Pult hatte, war der Tagespoesiesieger und durfte seinen Nachmittag mit dem Auswählen hochgeistiger Weisheiten verbringen. Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. Nachmittage auch, wenn man über Lichtlein schreibt, die herkommen.

Auf der Suche nach einem Spruch für das zu beschriftende Album wurde ich ein wenig sentimental und holte mein Album heraus. Fieses Grün aus Kunstleder ums Büchlein gespannt. Mit Goldprägung. Es fanden sich einige Lehrer, Freundinnen und frühe Verehrer aus der 1. Klasse und andere Menschen.
Mit einem Lächeln blätterte ich mich durch meine Vergangenheit und stieß auch auf einen Eintrag, den ich bis heute sehr schätze. Den meiner Freundin Alexandra, die mir schrieb, dass ich nie den Morgen beklagen solle, weil es schön wäre, für Menschen zu sorgen, die man liebt. Dazu hat sie mir ein Herz gezeichnet. Dieser Eintrag ist besonders, denn Alexandra ist bis heute meine Freundin.




Doch zurück zu dem Poesiealbum, in das ich jetzt schreiben soll. Allein die Suche nach einem passenden Bild war eine schwierige Angelegenheit. Denn es gibt keine Blumenarrangements mehr, die man ausschneiden und einkleben kann. Dabei habe ich extra einen Klebestift gekauft. Man weiß ja nie.
Daher folgte eine Bastelstunde, in der ich eine Bildkarte demontierte und sie kunstvoll in das Büchlein eingeklebte. Man kann übrigens noch blättern.

Dazu folgt ein Spruch, den ich mag und den ich eigentlich die ganze Zeit vor der Nase hatte. Ich finde es, im Gegensatz zu meiner Kindheit, ziemlich unpassend von Hasen oder Lichtlein zu schreiben und einfach etwas ins Buch zu kritzeln. Es muss stimmig sein, die Person erfassen, die einem diesen Gefallen angetragen hat. Sie soll sich doch in einigen Jahren oder Jahrzehnten mit einem Lächeln erinnern können.

Ich darf Johann Wolfgang von Goethe zitieren, der schrieb:

Was immer du tun kannst oder wovon du träumst – fang damit an.
Mut hat Genie, Kraft und Zauber in sich.

Ein Spruch, den ich sehr mag und ich glaube, mit dem Glückskäfer, fest eingeklebt, und herzlichen Grüßen wird eine stimmige Seite daraus.


Wenn Sie also ein Poesiealbum haben, gönnen Sie sich ein wenig Zeit damit. Vieles, was wir damals als absolut sinnlos abtaten oder langweilig fanden und doch ewig wiederholten, hat immer noch einen Krümel Wahrheit in sich. Oft sogar mehr, als damals. So ein Büchlein weckt so manche Erinnerung an die Vergangenheit und Menschen, die uns vielleicht sogar schon verlassen haben. Für mich war diese Reise amüsant, spannend, ich erinnerte sogar einen Streit, der mir bis heute nahe geht und nachgetragen wird, nur weil ich als Kind die Wahrheit sagte. Es war ein wehmütiges, aber süßes Blättern in meiner Vergangenheit.

Der Kleber, der hält übrigens immer noch!

Jetzt zu Ihnen: Wer schenkt mir Poesiesprüche, schwelgt mit mir in Erinnerungen und gönnt sich einen Hauch von Sentimentalität im Alltag? Natürlich können Sie auch den wirklich coolen Fragenkatalog beantworten, ich bin nämlich neugierig! 

Herzliche Grüße
Ihre Birgit Bauer
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