16 November 2017

Digitalisierung - Allheilmittel ? Und der Faktor Mensch?

Zugegeben, dieser Beitrag könnte ab und an Spuren von Ironie oder derlei enthalten. :-)

Im Moment ist ein Thema in aller Munde. Digitalisierung. Big Data. Themen, die wirklich wichtig sind, weil sie Zukunft bedeuten, neue Wege brauchen und denen Menschen oft mit Skepsis begegnen und bei dem man, hört man Experten genau zu, den Eindruck bekommt, wir hätten einmal mehr die rote Laterne erwischt.

Gut, das wäre nicht das einzige Thema, wir diskutieren ja auch über 10 Jahre über elektronische Patientenakten und darüber, wie man sie in den Griff bekommt, wir reden auch über Telemedizin und warten vielleicht noch auf die großen Lösungen, selbst wenn kleine Regionen wie das schöne Südtirol das längst umsetzen und beste Erfahrungen damit haben.

Das geht so lange, bis einzelne Stakeholderbeteiligte wie Krankenkassen damit beginnen, eigene Lösungen entwickeln, die Patienten bei der Verwaltung ihrer Gesundheitsdaten unterstützen sollen. Womit wir jetzt auch beim Thema wären.
Digitalen Lösungen, Digitalisierung. Und was sie mit Menschen machen, die chronisch oder langfristig erkrankt sind.



Grundsätzlich bin ich absolut für diese Lösungen, ich bin auch dafür, dass es Krankenkassen erlaubt wird, Daten von Patienten in einem vernünftigen Umfang zu bekommen und dafür zu verwenden, Angebote und Programme zu verbessern oder auch neu zu entwickeln.

Beispiel? Bitteschön: Wie oft ist die Entfernung zum Facharzt weit und für Menschen mit den unterschiedlichsten Erkrankungen nicht selten beschwerlich und anstrengend wie teuer. Oft genug braucht es eine extra Taxifahrt und Assistenz. Dazu kommt, dass so ein "Unternehmen" Kraft und Energie kostet. Den Patienten. Versteht sich. Und damit auch die Lebensqualität eingeschränkt wird.

Es gibt genügend Beispiele, wie zum Beispiel Telehealth wie Physio- oder Ergotherapie online oft genug effektiver sind weil die Erkrankten eben keine Anstrengungen in Kauf nehmen müssen, um überhaupt zur Therapie zu kommen. Wirtschaftlich wie auch in Sachen Erkrankungsmanagement eine sehr gute Sache. Weil hier mehr Power für die Therapie bleibt und sie somit erfolgreicher wird. Nur kleine Beispiele, aber solche, die helfen.

Ich glaube auch, dass digitale Lösungen viel weiter führen können, als man so denkt und OP Techniken, wie auch ein sinnvoller Einsatz von Robotern in Sachen Pflege, Krankheitsmanagement usw. in der Zukunft durchaus nötig sein werden.

Als ich vor einigen Tagen in einer äußerst anregenden Diskussionsrunde mit Ärzten, Kassenvertretern wie auch digitalen Vorreitern und Experten saß und diese Themen diskutierte, fehlte mir allerdings ein Faktor, an den ich auch deutlich erinnerte.

Der Faktor Mensch. Denn bei aller digitaler Euphorie. Es geht um Menschen. Solche, die erkrankt sind und die, die sie behandeln und pflegen. Es geht nämlich nicht ohne.

In einer Aussage kam zum Beispiel, dass digitale Lösungen Ärzte ersetzen können. Können sie? Ich glaube nicht. Zumindest nicht vollständig.
Ehrlich gesagt, ich finde den Gedanken spannend, nicht wegen jedem "Pipifax" zum Arzt gehen zu müssen. Ich würde gerne Folgerezepte online abrufen können (Es gibt Apps, die das können!) , bei denen ich meine Termine online vereinbaren kann und mehr. Mir ist bewusst, dass ich damit  nur an der Oberfläche kratze. Allerdings ist das eines der Bedürfnisse, die man als Mensch mit Erkrankung so hat.
Folgerezepte brauchen oft nicht wenig Zeit. Den Anruf beim Arzt, den Besuch beim Arzt, das Rezept bekommen und in der Apotheke vorbeifahren, das alles einösen - ein Aufwand, der minimierbar wäre. Zeit, die für den Erkrankten mehr Qualitätszeit ermöglicht und Zeit, die anderen Erkrankten vielleicht ein oder zwei kostbare Minuten mit dem Arzt zusätzlich spendiert. Macht also schon Sinn, das Digitale. Oder?

Auf der anderen Seite mag ich den Austausch mit dem Arzt, er hat nicht selten gute Tipps oder auch Erfahrungswerte, die keine Maschine liefern kann, selbst wenn wir heute in der Lage sind, Programme lernen zu lassen.
Zugegeben, mein Neuro und ich, wir werden keine Freunde mehr, aber dennoch schätze ich ihn als Sparringspartner in Sachen Austausch über meine Erkrankung, die Multiple Sklerose. Ich will auch gar kein Freund von ihm werden, aber ich lege neben all den digitalen Möglichkeiten, die wir in der Zukunft vielleicht bekommen (sofern wir nicht wieder ewige Diskussionen abwarten müssen und digitale, eigentlich gute Vorhaben zu Milliardengräbern werden) Wert auf das persönliche Gespräch, das ohnehin meist nur ein- oder zweimal im Jahr stattfindet. Auch wenn es nicht immer nett ist, ist es wichtig. Es ist gut zu wissen, dass neben Dr. Digital da auch noch Dr. Mensch sitzt.

Ich möchte nämlich nicht von einer Maschine irgendwann vielleicht mitgeteilt bekommen, dass sich meine MS verschlechtert hat. Oder auch von einem Facharzt nach dem MRT zu hören, dass sich alles soweit gut hält, ist eine Freude, etwas, was mir kein digitales Tool geben kann. Denn der Experte freut sich immer, wenn wir genau das besprechen. Und diese Freude, die wir teilen, ist echt.
Das, was zwischenmenschlich stattfindet, ist mit einer Maschine nicht möglich. Genauso wenig wie der Umstand, dass digitale Lösungen Menschen mit chronischen Erkrankungen nur unterstützen, aber nicht heilen können.

Digitalisierung? Ja bitte! Aber nicht ohne den Faktor Mensch. Das ist mein Fazit nach der Diskussionsrunde. Wir müssen darüber reden, wie wir diese zwei wichtigen Stärken so nutzen, dass sie sich gegenseitig stärken, möglicherweise ergänzen. Dazu brauchen wir die Erfahrungswerte der Ärzte, Daten und eine Portion Menschlichkeit.

Selbstlernende Algoritmen und Programme sind gut. Wenn wir jetzt nicht anfangen, sie für uns zu nutzen, machen das andere und wieder winkt die rote Laterne. Sie können helfen, genauer zu sein, Dinge zu individualisieren, sie können Prozesse beschleunigen und sind in vielen Themen die bessere Wahl. Aber der Faktor Mensch, der ist und bleibt wichtig. Eben auch.

Mehr über mein Leben mit MS, können Sie hier nachlesen. Wenn Sie wollen. :-)





Text: Birgit Bauer für Manufaktur für Antworten UG November 2017 
Bild: Shutterstock 



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